Der
nachfolgende Text wurde speziell für die Feier anlässlich des 15-jährigen
Bestehens der Lehranstalt für Heilpädagogische Berufe (LHB) Linz der Caritas für
Menschen mit Behinderung am 28.9.2000 verfasst. Er stellt den
Versuch dar, innerhalb einer sehr kurz bemessenen Redezeit den Anwesenden,
besonders aber den Mitgliedern der oberösterreichischen Landesregierung und des
Sozialreferats, zu verdeutlichen, was es in der Praxis und konkret für das
Leben von behinderten Menschen bedeuten kann, wenn im Sozialbereich Einsparungen
vorgenommen werden. Ich möchte diesen Text weiterführend aber als Denkanstoß
für alle, die im weitesten Sinne mit der Verteilung von Ressourcen in der
"Behindertenarbeit" betraut sind, verstanden wissen, also auch Heim-
und WirtschaftsleiterInnen, pädagogische, psychologische und medizinische
LeiterInnen, usw.
Eventuelle
Schlussfolgerungen beschränken sich selbstverständlich nicht auf Oberösterreich.
STELLEN
SIE SICH VOR, ...
Stellen
Sie sich vor, Sie sind taub! (Hören Sie mir aber trotzdem zu!)
Stellen Sie sich also vor, Sie sind
taub, und stellen Sie sich weiters vor, Sie sind stumm. Nicht, dass Sie keine
Laute von sich geben könnten, aber die haben Sie noch nie gehört. Sie können
nicht sprachlich kommunizieren.
Sie wissen, dass es Sie gibt. Sie
erkennen sich im Spiegel.
Sie erkennen Ihren Namen und Sie
wissen, wenn auf einem Gegenstand Ihr Name steht, gehört der Gegenstand Ihnen.
Stellen
Sie sich vor, Sie haben sehr oft ein Gefühl, das Ihnen nicht gefällt. Wenn Sie
wüssten, was es ist, würden Sie es vielleicht mit "Angst"
beschreiben. Ein bedrohliches Gefühl, alleine zu sein.
Sie spüren, dass da noch jemand ist
und - Sie spüren sich.
Eines
Tages, ob absichtlich oder nicht, stoßen Sie Ihr Essgeschirr vom Tisch. Es
zerbricht am Boden in viele kleine lustige Teile und sofort danach kommt jemand
zu Ihnen, deutet irgend etwas, nimmt Sie an der Hand, und zeigt Ihnen, dass man
die vielen kleinen Teile in einen großen Gegenstand werfen kann.
Das hat Ihnen Spaß gemacht.
An
einem anderen Tag sind Sie an der Wand angestoßen. WOW! So deutlich haben Sie
sich noch nie gespürt. Sie tun es also noch mal.
Schön.
Stellen
Sie sich vor, dass Sie im Verlauf ihres Lebens auch noch gelernt haben, dass
Haare reißen, Blumenstöcke herumschleudern, andere Personen umstoßen,
schlagen, sich und andere beißen, sich die Kleider vom Leibe reißen,.....
Stellen
Sie sich vor, dass Sie nun seit einiger Zeit immer mehr bunte Kügelchen zusätzlich
zu ihrem normalen Essen bekommen.
Sie
fühlen sich ein bisschen schläfrig, müde, alles geht schwerer. Warum wissen
Sie nicht. Trotzdem, Sie nehmen all ihre Energie zusammen und schlagen mit Ihrem
Kopf gegen die Wand.
Stellen
Sie sich jetzt vor, dass Sie eines wirklich schönen Tages bemerken, dass sich
seit längerer Zeit nichts mehr verändert hat. Die Gesichter sind bekannt, und
da, wenn Sie sie brauchen, haben Körper und Hände, die zu spüren sind.
In
dem Gefühl der Sicherheit beginnen Sie, neue Betätigungsfelder für sich zu
erkennen. Sie können nun Aufgaben übernehmen, Sie haben erfahren, wie es ist,
anderen zeigen zu können, was Sie sich gerade wünschen, und - verstanden zu
werden.
Stellen
Sie sich vor, es sind bereits einige Jahre vergangen, seit Sie das letzte Mal
mit Ihrem Kopf gegen die Wand geschlagen haben, und es ist auch schon länger
her, seit Sie etwas in diese kleinen lustigen Teile....na, Sie wissen schon.
Nur die bunten Kügelchen sind
weniger geworden, aber das macht nichts.
Stellen
Sie sich nun vor, Sie sitzen in einem großen Raum, Besprechungszimmer oder Büro.
Vor Ihnen stapeln sich Papiere, Zetteln mit vielen, vielen Zahlen, die Ihnen überhaupt
nicht gefallen.
Sie nehmen einen Stift und streichen
eine Zahl. Und dann noch eine. Und noch eine.
Plötzlich halten Sie inne.
Sie hören ein Geräusch, dass mit
jeder Zahl, die Sie streichen, lauter zu werden scheint.
Sie wissen nicht, woher es kommt.
Es
sind Köpfe, die gegen die Wand schlagen, es sind Blumenstöcke, die am Boden
zerbersten, es sind Kleider, die zerreißen, und es sind Kugelschreiber, die auf
Rezeptblöcke kritzeln.
Sollten Sie diesen Text in irgendeiner Form ganz oder in Auszügen abdrucken oder veröffentlichen wollen, senden Sie mir bitte ein Mail an: cg_rede AT aquarianage.at
Seit kurzem steht auch das Video
der Originalrede zur Verfügung (24mb .wmv für Media Player 9).
Danke an Herrn Mag. Hans Schauer!
Zur
Person des Autors:
Christian Grill , Jg. 1967, arbeitet
seit 1992 mit geistig und mehrfach behinderten Menschen, ist Magister (FH) für sozial-wissenschaftliche
Berufe und Dipl. Behindertenpädagoge
und unterrichtet an der Lehranstalt für Heilpädagogische Berufe der CMB Linz.